nachts – Gespräch


Franz Klee und Florian Appel befragen sich wechselseitig zu ihren „nachts“ - Arbeiten und geben Auskunft über deren Entstehung und Gestalt.


KLEE   Was war der Auslöser für „nachts“, als Klavier- und Lesespiel?


APPEL   Mit der Geburt meines Sohnes bemerkte ich eine allmähliche Veränderung meines Literatur- und Musikinteresses. Ich griff zu Büchern, die zuvor lange ungelesen im Regal standen, blätterte in Erzählbänden, durchstöberte Gedichtsammlungen. Musik kam mir in den Sinn, an die ich lange nicht gedacht hatte und irgendwie schien das alles unter einem wie auch immer gearteten gemeinsamen Stern zu stehen, den ich – aufgrund des nun häufigen nächtlichen Wachens – in der besonderen Atmosphäre von Tagesaus- und Nachklang, Mondbeschienenheit, überreizter, oder benommener Geisteshaltung vermutete. Mich reizte, dem, zwar nicht wissenschaftlich, so doch mit einer gewissen Dringlichkeit und Verbindlichkeit nachzugehen und mich selbst überraschen zu lassen, was da wohl so alles nebeneinander zu liegen käme, welche Themen, Klammern, Verwandtschaften dort zu entdecken wären. Und es waren nicht einfach nur Nachtstücke, Traumsequenzen, Mondgedichte – in Programm eins ist das deutlich zu bemerken – die sich da zum Reigen versammelten. Nein, mir war eher, als zeigten sich in besonderer Weise nächtliche Seiten manchmal ganz tagheller Stücke und Geschichten.


KLEE   Nächtliche Seiten – was meinst Du damit?


APPEL   Vielleicht nähere ich mich der Frage am besten indem ich be-schreibe, wie sich für mich die Tageshälfte zwischen Abend- und Morgendämmerung von der Sonnenerhellten unterscheidet. Dem bunten Tagestreiben wesentlich eingeschrieben sind die Handlungen des Produzierens, Wegeschreitens, Verrichtens von sogenannt Notwendigem. Konkret: U-Bahnfahren, Einkaufen, Verträge schließen, Putzen, Schleppen, sich selbst und andere immer wieder dorthin und dahin bringen und wieder zurück. Kochen, Essen, Abspülen, Räumen. Oft verbunden mit Lärm, Gestank, Eile, grellen Erscheinungen. Dagegen die Zeit nach Sonnenuntergang. Zur Ruhe gekommen verfeinert sich das Empfindungsvermögen, wird empfänglicher für leise Töne, Gerüche und Bilder. Die Gedanken müssen nicht mehr zielgerichtet ordnen und klären, sondern dürfen mäandernd sich verzweigen, ohne irgendwohin gelangen zu müssen. An die Stelle des Klaren, Konturierten, scharf Geschnittenen tritt eine Empfänglichkeit für Schwellenmomente. Es ist solch Vages, an dem ich Gefallen finde, in das ich mich gern verliere. Das schreiende Kind fällt hier mitunter jäh ein und hat doch nichts von der Lautheit des Tages. Solchermaßen lebendig erzwungene Synkope vermag aber offensichtlich den Modus meines literarisch-musikalischen Nachtwandelns erheblich zu ändern. Der bändelange Roman, das sich entwickelnde Sonatengeschehen verliert durch solche Unterbrechung seinen konstituierenden Zusammenhalt. Drum wohl das sich In-den-Vordergrund-Schieben der kürzeren Formen. Novelle, Klavierstück, einzelner Satz, Traumgesicht, Schlaglicht, Episode im Vorbei-gehen. Weniger sich entwickelnde Handlung, als unmittelbares In-Medias-Res-Gehen. Wobei das typische Nachtpersonal (Eule, Mondschatten, Nachttopf, Nocturne, la notte) aber nicht krampfhaft ausgespart bleibt.


KLEE   Wie hast du Texte und Klavierstücke den Spielern zugeordnet?


APPEL   In gewisser Weise stellte ich bald fest, dass sich das Material selbst ordnete. Nicht nur, dass ich oft im Nachhinein wiederauftauchende Motive, Ideenstränge, Tonverwandschaften bei den unterschiedlichen Texten und Musiken entdeckte, die wie eine Selbstvergewisserung der so getroffenen Auswahl wirken, auch die Verteilung auf uns zwei Spieler ergab sich aus der Sache selbst beinahe zwangsläufig. Manchmal stand aber auch eine ganz einfache Setzung wie: dies und jenes Stück möchte ich gerne von Dir hören (und jenes gerne selbst spielen ...). Und dass sich damit fast zwangsläufig eine Folge initiiert (ich antworte mit einem Text, Du übernimmst, wir wechseln die Positionen und und und) ergibt sich dann von selbst.


KLEE   Wie ensteht dieser eigenartige Rhythmus, die Spannung, der/die weit entfernt ist von einer bloßen Abfolge von Text und Musik?


APPEL   Am schönsten finde ich ist es immer dort, wo uns Übergänge gelingen, die uns selbst zu überrschen scheinen. Das Ineinadergreifen von Wort und Klang, die Überblendung von einer Stimmung in eine andere schaffen vielleicht diesen offenen Raum, der uns selbst so aufmerksam stimmt und seinen Schwebezustand bewahren hilft. Aber auch hier gilt, dass ich oftmals staune, wie sich das Material selbst in eine Spannung und Bezogenheit versetzt, die ich so gar nicht kalkuliert hatte. Das Programm folgt dabei wohl einer nächtlichen, einer poetischen Logik. Etwas in der Art, das ich oben versuchte zu umkreisen.


Nach zwei Programmen, die ich in meinem „Nachtkämmerlein“ ersonnen hatte, bist Du nun meinem Drängen erlegen und hast aus Deiner Perspektive eine Auswahl an Texten und Musiken zusammengetragen und dabei unsere Reihe um eine anregende neue Perspektive erweitert und bereichert. Welchen Einfluss auf Deine Literatur-Auswahl bilden die Erfahrungen mit den beiden Vorgängerprogrammen?


KLEE   Wenn du mir vorab eine Bemerkung erlaubst; mir scheint, nach Einbruch der Dunkelheit, bin ich am besten dazu in der Lage, unseren Fragestellungen auf die Spur zu gelangen. Zu deiner Frage. Ganz elementar hat mir die Spielerfahrung und das freie Sprechen der Szene aus "Das weite Land" (nachts zwei) Mut gemacht, diesen Teilaspekt der Programme nun noch weiter zuzuspitzen. Gedichte, diese Form der Literatur auf der Schnittstelle von Text und Musik, kommen unserer Arbeitsweise der, sozusagen "entwickelnden Variation" sehr entgegen. Den letzten Punkt, der bedeutsam war für meine Auswahl, hast du schon wunderbar benannt. Es betrifft die Übergänge. Diesem Moment, in seinen Abschattierungen von harsch Kontrastierendem oder harmonisch Ineinander-Greifendem soll in den von mir komponierten "Miniaturen für Klavier" besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden.


APPEL   Wenn Du für unsere drei Programme jeweils eine Kurzcharakte-ristik vornehmen wolltest, wie würde sie lauten?


KLEE   Für nachts eins fällt mir spontan als Zuschreibung ein immer wieder überraschender Schwebezustand ein. Beim spielen des zweiten Programmes hatte ich oft das Gefühl, in jedem Moment des Abends ereigne sich zugleich alles und nichts. Die Aufhebung der (dem Tag zumeist innewohnenden) Folgerichtigkeit, das außer Kraft setzen von Ursache und Wirkung, tritt in nachts drei vielleicht am deutlichsten zu Tage.

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